Holz dient nicht nur dazu, Bourbon aufzubewahren: Es kann auch Aroma, Textur und das Gleichgewicht zwischen Süße und Gewürzen beeinflussen. Four Roses greift diese Idee mit Experimental Series No. 003: Chestnut erneut auf. Die Abfüllung untersucht, welchen Einfluss Kastanienholz auf eines der Hausprofile hat. Ausgangspunkt ist ein sechs Jahre gereifter Bourbon, der anschließend in Fässern aus japanischem Kastanienholz veredelt wird.
Die Neuerscheinung setzt eine Serie fort, in der die Destillerie aus Kentucky das Zusammenspiel verschiedener Materialien und Rezepturen erforscht (mehr dazu in unseren Beiträgen über Honig und Mizunara).
Statt sich vom charakteristischen Stil der Marke zu entfernen, soll untersucht werden, was ein eher ungewöhnliches Holz zu einer bereits durch die Rezepturen von Four Roses geprägten Grundlage beitragen kann.
Eine Bourbon-Rezeptur als Ausgangspunkt
Four Roses stellt seine Bourbons aus zwei Getreidemischungen und fünf Hefestämmen her. Die Kombination dieser beiden Faktoren ergibt zehn Rezepturen mit jeweils eigenständigem Profil. So kann die Destillerie Unterschiede bei Aroma und Geschmack erkunden, ohne sich auf eine einzige Grundlage zu beschränken. Für diese Abfüllung wurde die Rezeptur OBSK ausgewählt, die die Marke als würzig und komplex beschreibt.
Die Wahl ist wichtig, denn die Veredelung im Holzfass wirkt nicht für sich allein. Der Charakter des Destillats, sein Alter und die Dauer des Kontakts mit dem Fass beeinflussen das Ergebnis. In diesem Fall sollen die Frucht und die süßen Noten des Kastanienholzes das würzige Profil des Bourbons ergänzen, statt es zu überdecken.
Veredelung in Kastanienholz – Fass für Fass
Der Bourbon wurde in 250-Liter-Fässer umgefüllt, die aus in Japan gewachsenem Kastanienholz gefertigt wurden. Die Destillerie setzte unterschiedliche Röst- und Auskohlungsgrade ein – zwei Verfahren, die beeinflussen, wie das Holz mit der Flüssigkeit interagiert. Das Rösten kann süße und würzige Aromen begünstigen, während die ausgekohlte Innenschicht den Holzkontakt verändert und zur Entwicklung des Destillats beiträgt.
Die Dauer der Veredelung war nicht in allen Fässern gleich: Jedes Fass wurde regelmäßig verkostet und nach Erreichen des gewünschten Profils geleert. Das geschah nach fünf bis elf Wochen. Durch diese individuelle Kontrolle lässt sich die Intensität des Holzes besser steuern. Zugleich verdeutlicht sie einen wichtigen Grundsatz bei der Bourbon-Herstellung: Die Reifezeit im Fass ist keine feste Formel, denn jedes Fass kann sich anders entwickeln.
Reife Frucht, Vanille und geröstetes Holz
Die von Four Roses veröffentlichten Verkostungsnotizen beschreiben Aromen von Aprikose und milder Vanille. Am Gaumen zeigt sich der Bourbon rund und cremig, mit Vanille, Birne und reifer Kirsche sowie Anklängen von süßem, geröstetem Holz und Backgewürzen. Der Abgang ist laut Destillerie lang anhaltend und geprägt von feiner Frucht und braunem Zucker.
Der angegebene Alkoholgehalt beträgt 52 % vol. (104 Proof). Mit seiner Kombination aus Süße, Gewürzen und Holz eignet sich der Bourbon zum puren Genuss, am besten in einem Glas, das seine Aromen zur Geltung bringt. Einige Tropfen Wasser können das Profil öffnen, doch die ideale Servierweise hängt vom persönlichen Geschmack ab. Er passt auch als Begleiter zum Abschluss einer Mahlzeit, besonders zu Desserts mit Früchten, Nüssen oder Schokolade – die Kombination muss dabei nicht besonders süß sein.
Eine Abfüllung zum Entdecken
Experimental Series No. 003: Chestnut erscheint im Format mit 375 Millilitern. Laut den Angaben zur Markteinführung soll sie ab dem 20. November in den Besucherzentren von Four Roses in Lawrenceburg und Cox’s Creek zum Preis von 55 US-Dollar erhältlich sein, solange der Vorrat reicht. Statt einer dauerhaft angelegten Neuinterpretation des Hausstils bietet sie die Gelegenheit zu entdecken, wie ein weniger verbreitetes Holz eine bekannte Bourbon-Rezeptur nuancieren kann.
Die Serie stellt eine Frage in den Mittelpunkt, die für alle Bourbon-Fans interessant ist: Welcher Teil des Geschmacks stammt aus der Rezeptur und welcher aus dem Fass? Eine einfache Antwort gibt es nicht, denn beide Aspekte beeinflussen sich gegenseitig. Gerade deshalb können experimentelle Abfüllungen einen neuen Blick auf amerikanischen Bourbon und die Bedeutung der Fassveredelung eröffnen – vorausgesetzt, das Holz ergänzt das Destillat, statt allein im Mittelpunkt zu stehen.
